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Strategie & Governance

Post-Quanten-Kryptographie: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen

Von Alec Chizhik · 13. November 2025 · 5 Minuten Lesezeit

Quantencomputer, die aktuelle Public-Key-Verschlüsselung brechen können, existieren heute noch nicht in ausreichender Stärke. Aber das Konzept „Harvest Now, Decrypt Later“ macht Post-Quanten-Sicherheit zu einem akuten Problem: Angreifer sammeln heute verschlüsselte Daten, um sie zu entschlüsseln, sobald Quantencomputer stark genug sind. Für langlebige Geheimnisse ist das eine reale Bedrohung.

Das Wichtigste in Kürze

Warum die Bedrohung real ist – auch ohne heutige Quantencomputer

Das Argument für frühe Handlung ist nicht „Quantencomputer brechen heute Ihre Verschlüsselung“. Es ist „Harvest Now, Decrypt Later“: Nachrichtendienste und gut aufgestellte Angreifer sammeln heute verschlüsselten Datenverkehr, speichern ihn und warten auf Quantencomputer der nächsten Generation.

Für welche Daten ist das relevant? Staatsgeheimnisse (klar), aber auch: Medizinische Daten mit Langzeitschutzpflicht, finanzielle Transaktionen mit Langzeitarchivierung, Unternehmensgeheimnisse mit dauerhafter Konkurrenzrelevanz, und digitale Signaturen auf Dokumenten, die Jahrzehnte gültig sein müssen.

NIST Post-Quantum-Standards: Was jetzt gilt

Im August 2024 hat NIST die ersten finalen Post-Quantum-Kryptographie-Standards veröffentlicht:

FIPS 203 (CRYSTALS-Kyber / ML-KEM): Key Encapsulation Mechanism – ersetzt RSA und Diffie-Hellman für den sicheren Schlüsselaustausch.

FIPS 204 (CRYSTALS-Dilithium / ML-DSA): Digitale Signaturen – ersetzt RSA-Signaturen und ECDSA.

FIPS 205 (SPHINCS+ / SLH-DSA): Hash-basiertes Signaturverfahren als Alternative, besonders konservativ und gut analysiert.

Diese Standards sind die Grundlage für alle Migrationen. TLS, VPNs, Code-Signing, PKI-Zertifikate – alle müssen langfristig auf diese Algorithmen umgestellt werden.

Was Unternehmen jetzt konkret tun können

Kryptographie-Inventar erstellen: Welche kryptographischen Verfahren werden wo eingesetzt? RSA-Schlüsselgrößen, ECC-Kurven, Hash-Funktionen, Protokolle (TLS-Version, Cipher Suites). Ohne Inventar keine Migration.

Krypto-Agile Architektur planen: Systeme so gestalten, dass der Austausch von Algorithmen ohne vollständige Neuentwicklung möglich ist. Algorithmus-Abstraktion in Code, konfigurierbare Cipher Suites, modulare PKI-Komponenten.

Prioritäten setzen: Langlebige Geheimnisse zuerst. Daten, die noch 2030 schützenswert sind, brauchen heute PQC-Schutz. Kurzlebige Session-Keys sind weniger dringend.

Lieferanten befragen: Welche Hersteller bieten PQC-Unterstützung in welchen Produkten und wann? Roadmaps von VPN, PKI, HSM und TLS-Stack-Herstellern einholen.

Key Facts auf einen Blick

NIST PQC-Standards finalisiert: August 2024 (FIPS 203, 204, 205)

Geschätzter CRQC-Zeitpunkt: Frühestens 2030-2035 (BSI, NIST, BIS)

Algorithmen die gebrochen werden: RSA, ECC, DH – alle auf asymmetrischer Kryptographie basierend

Sichere Post-Quantum-Algorithmen: CRYSTALS-Kyber, CRYSTALS-Dilithium, SPHINCS+ (NIST-finalisiert)

Migrationsdauer Schätzung: 5-10 Jahre für vollständige Enterprise-Migration

Fakt: NIST hat im August 2024 mit FIPS 203 (ML-KEM) und FIPS 204 (ML-DSA) die ersten Post-Quantum-Kryptographie-Standards finalisiert – Unternehmen sollten die Migration jetzt planen.

Fakt: Laut einer Studie von Munich Re sind 61 % der befragten Unternehmen noch nicht auf Post-Quantum-Kryptographie vorbereitet, obwohl sie das Risiko als „hoch“ einstufen.

Häufige Fragen

Was bedeutet „Cryptographically Relevant Quantum Computer“ (CRQC)?

Ein Quantencomputer mit ausreichend stabilen Qubits (Schätzung: mehrere Millionen fehlerkorrigierte logische Qubits), um RSA-2048 in vertretbarer Zeit zu brechen. Heutige Quantencomputer haben einige hundert bis tausend physische Qubits – weit entfernt von CRQC.

Ist AES durch Quantencomputer bedroht?

Nur teilweise. Grover’s Algorithmus halbiert die effektive Schlüssellänge symmetrischer Verfahren. AES-256 ist mit Quantencomputern auf AES-128 Niveau reduziert – das ist noch sicher. AES-128 wird auf 64 Bit Sicherheitsniveau reduziert – langfristig kritisch. Empfehlung: AES-256 verwenden.

Was ist Crypto-Agility?

Crypto-Agility ist die Fähigkeit, kryptographische Algorithmen in einem System schnell auszutauschen, ohne die Gesamtarchitektur neu zu entwickeln. Es ist das Gegenteil von „Algorithm-Hardcoding“. Crypto-agile Systeme können auf neue Bedrohungen oder neue Standards reagieren, ohne vollständige Neuentwicklung.

Müssen wir sofort migrieren?

Nicht sofort, aber beginnen. Sofortiger Handlungsbedarf: Krypto-Inventar erstellen, PQC-Roadmap entwickeln, langlebige Geheimnisse identifizieren. Technische Migration in 2-3 Jahren starten, wenn Produkte PQC-Support liefern. Vollständige Migration bis 2030 anstreben.

Welche deutschen Behörden bieten Guidance zu PQC?

Das BSI hat umfangreiche Technische Richtlinien zu Post-Quantum-Kryptographie veröffentlicht (TR-02102). Diese geben klare Empfehlungen zu Algorithmen, Schlüssellängen und Migrationspfaden. Kostenlos verfügbar auf bsi.bund.de.

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