Linux-Kernel-Lücke: Ubuntu liefert noch keinen Patch
Eine Sicherheitslücke im Linux-Kernel erlaubt entfernten Angreifern ohne Anmeldung, den Kernel-Speicher von Servern zu beschädigen. Auf Systemen mit MPTCP-Listener führte ein demonstrierter Exploit Befehle als root aus. Betreiber sollten korrigierte Distributions-Kernel einspielen und neu starten. Ubuntu-Server brauchen bis dahin einen Übergangsschutz.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein demonstrierter Exploit erlangt Root-Rechte ohne Zugangsdaten. Anthropic zeigte ihn auf Linux-Servern mit MPTCP-Listener, eine Nutzerinteraktion war dafür nicht nötig.
- Ubuntu führt sein Kernel-Paket weiter als verwundbar. Für Amazon Linux stehen korrigierte Kernel bereit, nach Angaben von Atlas auch für RHEL.
- Der Go-Schalter für MPTCP schützt nur teilweise. Die Kernel-Lücke hängt nicht an MPTCP, ähnliche Angriffe auf Systeme ohne MPTCP-Listener gelten als möglich.
Verwandt: CISA markiert drei Kernel-Fehler als ausgenutzt · Der geteilte Kernel ist die Lücke: Warum Copy Fail aus dem Container ausbricht
Ein Fehler im Verbindungsaufbau
Die Lücke trägt die Kennung CVE-2026-98432 und sitzt im IPv4-Netzwerkcode des Linux-Kernels. Technisch ist es ein Use-after-free, also ein Zugriff auf Speicher, den der Kernel bereits freigegeben hat. Eine Anmeldung brauchen entfernte Angreifer nicht. Mit zeitlich abgestimmten TCP-Verbindungsanfragen können sie Speicher beschädigen und möglicherweise eigenen Code aus der Ferne ausführen.
Im Ubuntu-Tracker hat die Lücke einen CVSS-v3-Wert von 9,8 und damit die Stufe „Critical“. CVSS ist das gängige Bewertungsschema für den Schweregrad von Schwachstellen. Für die eigene Bearbeitung setzt Ubuntu die Priorität „High“.
Was ist ein Use-after-free? Ein Use-after-free ist ein Speicherfehler, bei dem ein Programm auf einen Speicherbereich zugreift, den es zuvor schon freigegeben hat. Füllt ein Angreifer diesen Bereich in der Zwischenzeit mit eigenen Daten, kann er den Programmablauf beeinflussen. Im Betriebssystemkern wiegt das schwer, weil dort Code mit den höchsten Rechten läuft.
Ein Exploit aus dem KI-Labor
Am 27.10.2026 machte Anthropic öffentlich, wie weit sich der Fehler ausnutzen lässt. Den Exploit entwickelte Claude, das KI-Modell des Unternehmens, nach einer anfänglichen Anleitung. Auf Linux-Servern mit einem Listener für Multipath-TCP führt er beliebige Befehle als root aus. Zugangsdaten braucht er dafür nicht, eine Nutzerinteraktion ebenfalls nicht. Multipath-TCP, kurz MPTCP, ist eine Erweiterung, die eine Verbindung über mehrere Netzwerkpfade zugleich führt. Ein Listener ist ein Dienst, der auf eingehende Verbindungen wartet.
Der Nachweis bezieht sich auf dieses MPTCP-Szenario. AWS sind nach dem Stand seines Bulletins vom 01.11.2026 keine Angriffe in freier Wildbahn bekannt, die diese Lücke ausnutzen.
Ubuntu noch ohne korrigierten Kernel
Die Distributionen liefern ihre Korrekturen unterschiedlich schnell aus. Für Amazon Linux gibt es korrigierte Kernel-Pakete, Debian hat die Korrektur in den Sicherheitszweigen von Bookworm und Trixie. Nach Angaben von Atlas lieferte Red Hat am 01.11.2026 korrigierte Kernel für RHEL 8, 9 und 10 aus.
Ubuntu führt das Paket linux beim Abruf am 02.11.2026 weiterhin als verwundbar. Für die aktuellen LTS-Versionen steht dort nur der Vermerk laufender Patcharbeiten. Wer Ubuntu-Server betreibt, braucht deshalb vorerst den Übergangsschutz weiter unten.
Bei der Priorisierung helfen zwei Prüfungen je Server. Die erste klärt, ob bereits ein korrigierter Kernel läuft. Die zweite klärt, ob ein Dienst über MPTCP lauscht. Server mit MPTCP-Listener entsprechen dem Szenario, in dem Anthropic den Root-Exploit demonstriert hat.
Go-Programme und der MPTCP-Schalter
Für die zweite Prüfung ist die Programmiersprache Go wichtig. Seit Go 1.24 aktivieren Go-Programme unter Linux MPTCP standardmäßig für lauschende Sockets. Sockets sind die Endpunkte, über die ein Programm Netzwerkverbindungen annimmt. Betreiber können diesen Standard zur Laufzeit mit der Einstellung GODEBUG=multipathtcp=0 abschalten.
Die zugrunde liegende Kernel-Lücke ist nicht MPTCP-spezifisch; das Go Security Team hält ähnliche Angriffe auf Systeme ohne MPTCP-Listener für möglich und bezeichnet das Abschalten je Programm als fragilen Übergangsschutz („fragile mitigation“).
Vollständigen Schutz bietet das Abschalten deshalb nicht. Den gepatchten Kernel ersetzt es nicht.
Container und Paketfilter
Container ändern an der Lage nichts. Nach Angaben von Atlas nutzen sie den Kernel ihres Hosts. Ein neues Container-Image behebt die Kernel-Lücke deshalb nicht, auch Container-Hosts und Kubernetes-Knoten brauchen den korrigierten Kernel.
Für Ubuntu-Server bleibt bis zum Patch der Übergangsschutz im Netzwerk. Nach Einschätzung von Red Hat verringert das Filtern betroffener Netzwerkpakete die Angriffsfläche. Es kann aber notwendige Arbeitslasten beeinträchtigen. Ein Kernel-Sicherheitsupdate ersetzt es nicht.
Häufige Fragen
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Ist auch IPv6 von der Lücke betroffen?
Der zuerst beschriebene Fehler bei der Speicherfreigabe betrifft IPv6 nicht. Bei der Migration von Verbindungsanfragen mit CALIPSO-Optionen, einer Sicherheitskennzeichnung für IPv6-Pakete, gibt es dort aber ein verwandtes Problem. Dieses Problem soll separat behoben werden.
Gilt die GODEBUG-Einstellung für jeden Socket eines Go-Programms?
Explizite Einstellungen einzelner Sockets überschreiben die Vorgabe GODEBUG=multipathtcp=0. Setzt ein Programm MPTCP für einen Socket selbst, gilt diese Einstellung weiter.
Was müssen Betreiber auf Amazon EC2 tun?
Betreiber selbst verwalteter Linux-Instanzen auf Amazon EC2 müssen den Kernel ihrer Instanzen aktualisieren. Wirksam wird die Korrektur laut AWS erst nach einem anschließenden Neustart.
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Bildquelle: KI-generiert (November 2026)
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